Das kopernikanische Weltbild
und die Probleme, es im christlichen Europa durchzusetzen

Selbstverständlich ist die Erde der Mittelpunkt des Universums! Um sie kreisen die Sonne, der Mond und die anderen fünf Planeten, allesamt an völlig durchsichtigen Kristallsphären befestigt. An der äußeren Sphäre schließlich sind die Fixsterne angebracht - soweit die einhellige Meinung im Mittelalter.

Claudius Ptolemäus

Der griechische Astronom Klaudios Ptolemaios hatte im 2. Jahrhundert in seinem Hauptwerk, dem "Almagest" (was eigentlich nur die arabische Verstümmelung des ursprünglichen Titels ist), das geozentrische Weltbild beschrieben. Damit bestimmte er seither das astronomische Denken und Lehren des gesamten Abendlandes, und das anderthalb Jahrtausende lang.

Auch die katholische Kirche sah das ptolemäische Weltbild als das einzig richtige an. Die katholische Kirche war im Mittelalter die beherrschende Autorität in Europa, sogar die weltlichen Herrscher, Könige, Kaiser, kamen in ernste Bedrängnis, wenn sie sich mit ihr anlegten. Die europäischen Gelehrten waren zum größten Teil Mitglieder des Klerus, und die Universitäten waren kirchliche Schulen. So bestimmte die Kirche bis ins 17. Jahrhundert die astronomische Lehrmeinung.

Nikolaus Kopernikus

Erst 1543 veröffentlichte ein Pole namens Nikolaus Kopernigk in seinem Buch "De Revolutionibus Orbium Celestium" (Über die Bahnen der Himmelskörper) die Theorie, daß sich die Erde um sich selbst drehe und mit den anderen Planeten die Sonne umkreise - eine absurde Vorstellung für seine Zeitgenossen. Welche Welle der Empörung er damit ausgelöst hat, erlebte Kopernikus nicht mehr selbst; als sein Buch im Druck erschien, sei er schon mehrere Monate tot gewesen, sagen einige Quellen, andere berichten, er habe das erste Exemplar auf dem Sterbebett in den Händen gehalten. Trotzdem wußte er genau, welche Art von Widerstand ihm entgegengesetzt würde. In seinem Vorwort an Papst Paul III. (dem er das Buch auch gewidmet hatte, ein geschickter Zug) schrieb er: "Sollten etwa leere Schwätzer, die allen mathematischen Wissens bar sind, sich dennoch ein Urteil anmaßen und durch absichtliche Verdrehung irgendeiner Stelle der heiligen Schrift dieses mein Werk zu tadeln oder anzugreifen wagen, so werde ich mich nicht um sie kümmern, sondern ihr Urteil als unbesonnen mißachten."

Und tatsächlich nahmen sich Kopernikus' Gegner die Bibel als Waffe. Der Reformator Johannes Calvin beispielsweise zitierte in einem Bibelkommentar den 93. Psalm: "Der Erdkreis ist fest gegründet, nie wird er wanken" und fragte: "Wer will es wagen, die Autorität von Kopernikus über die des heiligen Geistes zu stellen?" Philipp Melanchton, ein Mitarbeiter Martin Luthers, wies auf Kohelet 1,4-5 hin, wo es heißt: "Eine Generation geht, die andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit. Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht." Luther selbst zog noch mehr über Kopernikus her: "Es ward gedacht eines neuen Atrologi, der wollte beweisen, daß die Erde bewegt würde und umginge, nicht der Himmel oder das Firmament, Sonne und Monde; gleich als wenn einer auf einem Wagen oder einem Schiffe sitzt und bewegt wird, meinete, er säße still und ruhete, das Erdreich und die Bäume gingen um und bewegten sich ... Der Narr will die ganze Kunst Astronomiae umkehren. Aber wie die heilige Schrift anzeigt, so hieß Josua die Sonne still stehen, und nicht das Erdreich." Hier bezieht er sich auf Josua 10,13: "Und die Sonne blieb stehen, und der Mond stand still, bis das Volk an seinen Feinden Rache genommen hatte ..."

Dem allen setzten die Befürworter Kopernikus' entgegen, daß die Bibel zwar nicht irren könnte, wohl aber diejenigen, die sie auslegten. Was in der Bibel stehe, sei nicht wörtlich zu nehmen. Gott selbst würde so nämlich Hände, Füße und ein Gesicht zugeschrieben, das allerdings wäre Häresie. Vielmehr müsse man interpretieren, was die Bibelschreiber sagten. Hier sei als Beispiel der französische Philosoph Nikolaus von Oresme zitiert, der schon im 14. Jahrhundert die Idee hatte, daß sich die Erde genausogut um die Sonne drehen könnte wie umgekehrt: "Auf das Argument aus der heiligen Schrift das besagt, daß sich die Sonne um die Erde dreht, würde man sagen, daß sie hier dem allgemeinen Sprachgebrauch entspricht, wie auch an einigen Stellen, zum Beispiel, wenn es geschrieben steht, daß Gott mitleidig oder zornig oder besänftigt ist, und all die anderen Dinge, die nicht genau so sind, wie sie klingen."

Doch es nützte nichts. Die Bibel zu zitieren und dem heliozentrischen Weltbild entgegenzutreten wurde fast zu einer Art Gesellschaftsspiel. Anfang des 17. Jahrhunderts brachten zahlreiche Geistliche ihre Zeit damit zu, die Bibel Zeile für Zeile nach "Beweisen" für das ptolemäische Weltbild abzusuchen.

Johannes Kepler

Trotz der massiven Kritik an der neuen Theorie gab es immer einige wenige, die sie verfochten und weiterentwickelten. Johannes Kepler war einer davon. Er war dahintergekommen, daß die Planetenbahnen elliptisch sind und nicht kreisförmig. Diese Erkenntnisse hatte er 1609 in seiner "Astronomia Nova" an die Öffentlichkeit gebracht. Doch viel mehr als wüste Beschimpfungen hatte man nicht übrig für seine "absurden, blasphemischen Hirngespinste" (so sein ehemaliger Theologielehrer Matthias Haffenreffer). Für den Abt des Klosters Babenhausen war Kepler ein "Ketzer" und ein "ungesundes Schaf". Die oberste Verwaltungsbehörde der evangelischen Landeskirche in Stuttgart nannte ihn ein "Schwindelhirnelein". Schließlich machte man ihm die Eltern seiner Schüler abspenstig, um ihm - erfolgreich - einen finanziellen Schaden zu versetzen.

Galileo Galilei

Ein anderer Verfechter des heliozentrischen Weltbildes lebte zur selben Zeit in Italien: der Mathematikprofessor Galileo Galilei. Der erregte 1610 Aufsehen mit seiner ersten großen wissenschaftlichen Veröffentlichung "Sidereus Nuncius" (Botschaft von den Sternen). Er berichtete darin von den Entdeckungen, die er mit seinem Teleskop gemacht hatte, darunter auch die Monde des Jupiter. Außerdem schrieb er mehrfach deutlich, daß er das kopernikanische Weltbild für wahr hielt. Zu dieser Überzeugung war er gelangt, als er beobachtet hatte, wie die Monde um Jupiter kreisen. Genausogut könnten die Planeten die Sonne umkreisen, dachte er; ein Beweis waren die Jupitermonde allerdings nicht und Galilei blieb ihn lebenslang schuldig.

Einmal schrieb er seinem Freund, dem Benediktinermönch Benedetto Castelli, einen Brief, in dem er ebenso argumentierte, wie es alle Befürworter Kopernikus' zuvor getan hatten: Die Bibel sei nicht wörtlich zu nehmen, sondern müsse interpretiert werden. Diesen Brief ließ Galilei vielfach abschreiben und verbreiten. Einem Dominikaner namens Tomasso Caccini stieß das sauer auf: Er fuhr bald darauf nach Rom, wo er Galilei bei der obersten katholischen Glaubensbehörde anzeigte, beim heiligen Offizium. Galilei vertrete die Theorie, daß die Sonne stillstehe und die Erde sich darum drehe, was doch im Widerspruch zur hl. Schrift stehe. Im Februar 1616 befaßte sich das hl. Offizium, eine Versammtlung von Kardinälen um den Papst (damals Paul V.), mit diesen beiden Theorien. Es kam zu dem Ergebnis, diese Thesen seien töricht und häretisch. Der Papst beauftragte nun einen Kardinal, Galilei aufzusuchen, ihn von dessen Behauptungen abzubringen und ihm notfalls vor Zeugen und einem Notar den Befehl zu erteilen, zukünftig die kopernikanischen Theorien weder zu lehren noch zu verteidigen. Wenn Galilei sich weigere, sei er festzunehmen. Galilei gab das Versprechen.

Die Indexkongregation, also die Behörde, die zu jener Zeit für die kirchliche Druckerlaubnis oder Zensur von Büchern zuständig war, bezeichnete Galileis Werk als "ganz und gar der heiligen Schrift widersprechend" und verbot den weiteren Druck und die Verbreitung von "Sidereus Nuncius". Auch Kopernikus' "De Revolutionibus Orbium Celestium" wurde auf den Index gesetzt. Von der kopernikanischen Lehre durfte nur noch als Hypothese gesprochen werden, nicht mehr als Erkenntnis oder dergleichen.

Titelblatt von Galileis Dialogo

Nach einigen ruhigen Jahren kam 1632 wieder eine Schrift Galileis unters Volk: "Dialogo Sopra I Due Massimi Sistemi Del Mondo", ein Rollenspiel, in dem zwei Kluge einem Dummen das kopernikanische Weltbild als einzig richtiges erklären, und zwar mit vernünftigen wissenschaftlichen Argumenten, während der Dumme sich mit seinen altmodischen Ansichten ständig lächerlich macht (ihm hat Galilei als besondere Bosheit mehrere Zitate des Papstes in den Mund gelegt). Diesmal fanden sich schnell viele Empörte und Verärgerte, die eine Zensur des Buches erwriken wollten. Der Papst selbst, seit 1623 Urban VIII., setzte eine Kommission ein, die die Angelegenheit behandeln sollte. Diese bemängelte: "Oft ist in dem Werk von bloßer Hypothese nicht mehr die Rede, indem entweder die Bewegung der Erde oder der Stillstand der Sonne einfachhin behauptet werden, oder die Beweisgründe hierfür als gültige und notwendige, das Gegenteilige als unmöglich bezeichnet werden." Dies war ein klarer Bruch des Versprechens von 1616. Das hl. Offizium kam zum selben Schluß wie die Kommission. Nun ließ es Galilei nach Rom vorladen. Vier Monate später traf der Siebzigjährige dort ein. Er wurde mehrfach verhört. Als man ihm Folter androhte und ihn fragte, welches Weltbild er für das richtige halte, antwortete er, bis 1616 habe er noch zwischen den beiden Systemen geschwankt. "Nach jenem Dekret von 1616 schwand in mir jeder Zweifel, und ich hielt, wie ich es immer noch halte, die Lehre des Ptolemäus für durchaus richtig und unzweifelhaft." Man machte ihn aufmerksam auf den Widerspruch zwischen seiner "Dialogo" und ermahnte ihn, nochmals unter Androhung der Folter, die Wahrheit zu sagen. Galilei blieb bei seiner Aussage und unterschrieb schließlich das Protokoll. Am nächsten Tag wurde ihm das Urteil verlesen: "... bist du allen Zensuren und Strafen verfallen, welche die Kanones und sonstigen allgemeinen und besonderen Bestimmungen gegen ähnliche Vergehen verhängen und ankündigen. Wir bewilligen jedoch, daß du losgesprochen seiest, unter der Bedingung, daß du vorher aufrichtigen Herzens und ohne Heuchelei vor uns die genannten Irrtümer und Häresien wie überhaupt jeden anderen Irrtum und jegliche gegen die katholische und apostolische Kirche gerichtete Ketzerei abschwörst, verurteilst und verabscheust in der von uns bestimmten, dir zu berreichenden Form... Damit übrigens dein schwerer und verderblicher Irrtum und Fehltritt nicht ganz ungestraft bleibe... so verordnen wir, daß dein Buch... durch öffentliche Bekanntmachung verboten werde... Die verurteilen wir zu Kerkerhaft im heiligen Offizium nach unserem Ermessen, und zur heilsamen Buße erlegen wir dir auf, drei Jahre hindurch wöchentlich einmal die sieben Bußpsalmen zu beten..." Schließlich mußte Galilei die Abschwörungsformel vorlesen: "Ich, Galileo,... auf den Knien vor euch, hochwürdigste Eminenzen Kardinäle und Generalinqzisitoren gegen die häretische Verderbnis für die ganze Christenheit... schwöre, stets geglaubt zu haben, gegenwärtig zu glauben und in Zukunft mit Gottes Hilfe glauben zu wollen alles das, was die heilige katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehret... so schwöre ich ab, verwünsche und verabscheue ich genannte Irrtümer und Häresien... auch beschwöre ich, in Zukunft nie mehr weder schriftlich noch mündlich ähnliches sagen oder behaupten zu wollen..."

Die harte Haltung der katholischen Kirche läßt sich durch die geschichtliche Situation zu dieser Zeit erklären. Zu Beginn waren es hauptsächlich Protestanten, die das kopernikanische System bekämpften. Da sie als Glaubensgrundlage ausschließlich die Worte der Bibel anerkannten, lehnten sie es ab, den Wortlaut zu interpretieren. Doch mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618, des Krieges zwischen Protestanten und Katholiken, verlor die katholische Kirche nach und nach ihre Vormachtstellung. Nachdem auch Gustav Adolf von Schweden 1630 in den Krieg eingriff und mehr und mehr katholische Bastionen protestantisch wurden, nachdem also der Einfluß der katholischen Kirche immer mehr und mehr schwand, und nachdem Gustav Adolf am Vorabend des Galileiprozesses München angriff, und so der Fortbestand der katholischen Vormachtstellung im deutschen Reich unmittelbar bedroht war, mußte man in Rom ein Exempel statuieren, daß auch die katholische Kirche die Bilbel wörtlich nimmt, denn an der Art, wie die Bibel zu verstehen sei, hatte sich der ganze Glaubenskrieg entzündet. Demonstrativ stellte die katholische Kirche also die Bibel als einzige Instanz bei der Wahrheitsfindung dar, sozusagen aus Selbsterhaltungstrieb.

In den folgenden Jahrhunderten setzte sich das kopernikanische Weltbild mehr und mehr durch. Die befürwortenden Stimmen und Schriften wurden immer zahlreicher, Angriffe und Widersprüche immer seltener. In der Mitte des 17. Jahrhunderts gab es kaum noch bedeutende Astronomen, die nicht Kopernikaner gewesen wären, fünfzig Jahre später nahezu keinen mehr. Im Laufe des 18. Jahrhunderts setzte sich auch im Volk die kopernikanische Lehre durch.

Schon zwanzig Jahre nach Galileis Tod wollten zahlreiche Leute eine Revision des Urteils gegen ihn erreichen. Die Kirche reagierte prompt und rehabilitierte Galilei - am 2. November 1992.

 

Literatur:

  • Thomas S. Kuhn: Die kopernikanische Revolution, Braunschweig 1981
  • Walter Brandmüller: Galilei und die Kirche, Regensburg 1982
Letzte Änderung am: Mo 31 Jul 2006 02:15:41 CEST - geändert durch: Not Availiable

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